Volkszählung Zensus 2011 – Name falsch, Zugangsdaten zeitweise funktionsunfähig. Dubiose Gebäude- und Wohnungszählung vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

Volkszählung 2011. Heute war ein umfangreicher Fragebogen vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung in meiner Post. Stammen die Daten von einem der dubiosen Adresshänder? Seit wann kann eine Behörde Fristen in die Vergangenheit legen, wo noch dazu ein Zwangsgeld droht.

Über die Pannenserie bei der Volkszählung 2011 haben schon NDR, MDR, Abendblatt, Süddeutsche, Tagesschau, Augsburger Allgemeine und viele andere berichtet. Daher werde ich mich besser an den Verantwortlichen mit einem offenen Brief wenden.


Sehr geehrter Regierungsdirektor,

ich habe heute, am 16. November 2011, den Fragebogen „Gebäude- und Wohnungszählung zum 9. Mai 2011“ von Ihnen erhalten. Zunächst möchte ich zum Ausdruck bringen, dass es mich extrem ankotzt irritiert, dass ihr Haus nicht in der Lage zu sein scheint, mich mit korrekter Schreibweise anzusprechen. Wo um Gottes Willen haben Sie die Adressen her? Als Tip: ich würde mich mal bei den Kollegen der GEZ erkundigen, wie die so schnell an korrekte Kontaktdaten kommen. Wenn schon wild Daten zwischen Behörden ausgetauscht werden, dann doch hoffentlich nicht über manuell abgeschriebene Listen, oder?

[Update] Leider bin ich auch der Zeitreise nicht mächtens! Wie stellen Sie sich vor, dass ich – gemäß ZensG 2011 – bis zum Stichtag 9. Mai 2011 vollständig ausgefüllt und auf eigene Kosten Ihren Fragebogen zurückzusenden habe? Vielen Dank an Ihre Pressesprecherin für die Erklärung im Kommentar, dass es sich bei dem Stichtag um den zeitlichen Bezug handelt. Die Frist beträgt zwei Wochen nach erhalt des Schreibens. Btw hat auch der Onlinefragebogen wieder funktioniert. [/Update]

Leider kann ich den Fragebogen auch nicht im Internet ausfüllen. Eventuell sagt Ihren die Fehlermeldung „Ihre Anmeldung ist nicht gelungen. Bitte geben Sie die Ihnen zugesandte Fragebogennummer und den entsprechenden Aktivierungscode genauso ein, wie es in dem Brief steht.“ ja was? Kann ich jetzt das Formular alternativ an Ihre Email poststelle-fuerth@lfstad.bayern.de oder per Fax (0911) 98208 – 131 senden? Ich will ja keine 500 Euro Strafe bezahlen, nur weil Sie meine Antwort nicht finden.

Mit freundlichen Grüßen
RoHa
Bürger

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5 Responses to Volkszählung Zensus 2011 – Name falsch, Zugangsdaten zeitweise funktionsunfähig. Dubiose Gebäude- und Wohnungszählung vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

  1. Anke Schwarz says:

    Sehr geehrter Herr „RoHa“,

    wenn Sie Fragen zur Ihrer Auskunftspflicht im Rahmen des Zensus haben, wie Ihrem oben aufgeführten Brief zu entnehmen ist, wenden Sie sich bitte direkt an das Statistische Landesamt unter der Telefonnummer 0911/98 208 125. Unsere Servicemitarbeiter sind hierunter montags bis freitags von 7:30 bis 18:00 Uhr für Sie erreichbar.

    Freundliche Grüße,

    Anke Schwarz

    PS: Der 9. Mai 2011 ist nur der Stichtag des Zensus zu dem Sie Ihre Angaben erteilen sollen. Für Sie konkret bedeutet das, dass Sie uns den Fragebogen ausfüllen sollen für Wohngebäude bzw. Wohnungen, für die Sie am 9. Mai diesen Jahres als Eigentümer bzw. Verwalter zuständig waren.

    • RoHa says:

      Liebe Frau Schwarz,

      vielen Dank für Ihre schnelle Reaktion und den Hinweis mit dem Stichtag. Ich finde die Formulierung auf dem Anschreiben „vollständig zum Stichtag 09. Mai 2011“ etwas unglücklich, da sie zunächst bei mir den Eindruck der Fristsetzung erweckte.

      Ich war emotional auch etwas aufgeladen. Nicht nur, dass mich eine Behörde mit falschem Namen anschreibt. Nun muss ich auch noch auf eigene Kosten an einer Aktion teilnehmen, von der ich alles andere als überzeugt bin. Zumindest wurde der Fehler beim Onlineformular behoben und ich konnte Ihnen meine persönlichen Daten nun online anvertrauen.

      Leider muss ich sagen, dass ich kein Befürworter dieser Volkszählung bin. Ich bin dagegen, dass der Staat für diese Volkszählung verschiedene Datenbanken aus Melderegistern und Arbeitsagenturen in einem großen Data Warehouse zusammenführt. Was passiert eigentlich mit meinen Angaben? Wie lange und wo werden diese überall gespeichert? Wer bekommt alles Zugriff auf diese Daten? Auch der Umfang der Datenerhebung geht deutlich über das Ziel einer Zählung hinaus.

      Wieso erheben Sie die Daten überhaupt? Wenn schon die behördlichen Datenbanken für Zensus zusammengeführt werden, dann könnten die Fragen auch ohne kostspielige Fragebögen aus den bestehenden Daten per Data Mining erhoben werden. Objektanschrift ist ja bekannt und Bebauung / Baujahr usw. kennt das zuständige Bauamt. Was spielt es überhaupt für eine Rolle, ob ich in meiner Wohnung ein Klo und eine Badewanne habe?

      Grüße RoHa

      PS: George Orwell lässt grüßen …

      • Vorbereitung und Durchführung des Zensus 2011 Kosten von insgesamt 710 Mill. Euro
      • Eine „… dauerhafte Speicherung der Einzeldaten“ kann missbraucht werden,
      • besonders mit „Tabellen, bei denen … auf Einzeldaten zurückgeschlossen werden kann“.
      • Das Monster-DWH sind „Datenabzüge aus Melderegistern: Bundesweite Zusammenführung“.
      • „Nutzung bereits vorhandener Verwaltungsdaten: Datenabzüge aus Melderegistern und erwerbsstatistischen Registern“
      • „Erfassung von Merkmalen, die nicht in den Registern enthalten sind, z.B. Erwerbstätigkeit und Bildung“
      • „Schriftliche Befragung bei allen17,5 Mill. Eigentümer/-innen von Wohnraum“
      • „einheitlicher Identifikator für Personen [durch] Zusammenführung mit Hilfsmerkmalen: Anschrift, Name, Geburtsdatum“
      • „Seit 2008 wird im Statistischen Bundesamt das Anschriften- und Gebäuderegister als Referenzdatei aufgebaut“
      • „Lieferung von Anschriften aus der Vermessungsverwaltung, den Melderegistern und der Bundesagentur für Arbeit“
      • „seit April 2009 fordern die Statistischen Ämter der Länder Namen und Anschriften von Gebäude- und Wohnungseigentümern an bei Grundsteuerstellen, Grundbuch- oder Katasterämtern, Ver- und Entsorgern“
  2. Anke Schwarz says:

    Sehr geehrter Herr „RoHa“,

    ich kann ihre skeptische Grundeinstellung sehr gut nachvollziehen. Da sie einige grundsätzliche Fragen aufgeworfen haben, möchte ich Ihnen diese gerne beantworten:

    Was passiert mit Ihren Angaben?

    Der Bundesgesetzgeber hat ganz klar definiert was mit ihren Zensusdaten zu geschehen hat. Die Gebäude- bzw. Wohnungsangaben werden zunächst zentral in Sachsen verarbeitet und durch das Bayerische Landesamt auf Vollständigkeit und Plausibilität überprüft. Danach werden die Gebäude- und Wohnungsdaten aus Sachsen mit den demografischen Daten der Melderegister und den erwerbsstatistischen Daten der Bundesagentur für Arbeit mit Stand vom 9. Mai 2011 bundesweit zentral im abgeschotteten Bereich des Bayerischen Landesamtes zusammengeführt. Nach der Zusammenführung liegt ein Datensatz vor, der vielfältige statistische Auswertungen ermöglicht. Bevor die Auswertungen jedoch vorgenommen werden können, werden die Daten anonymisiert und einen Geheimhaltungsverfahren unterzogen, damit eine Reidentifizierung einzelner Personen nicht mehr möglich ist.
    Nach Abschluss der Arbeiter lassen sich gesellschaftlich relevante Fragestellungen beantworten wie z.B.: Wieviel Wohnfläche steht einer Familie mit zwei Kindern durchschnittlich zur Verfügung (und das nicht nur für Deutschland, sondern für Bayern, für Mittelfranken, für den Landkreis Ansbach oder bis hinunter zu den mittelfränkischen Städten). Diese Daten sind, auch wenn es einige Bürger gerne bezweifeln, entscheidend für Politik und Wirtschaft um kommunale Planungen von Wohnungen, Kindergärten, oder Seniorenheimen vorzunehmen. Ein wirtschaftlich agierendes Bauunternehmen wird z.B. nur dort Wohnungen bauen, wo es auch einen entsprechenden Bedarf gibt.

    Wer bekommt Zugriff auf die Daten?

    Da sich die Zensusdaten immer im jeweilig abgeschotteten Bereich der Statistischen Ämter befinden, erhalten nur die im Zensus tätigen Mitarbeiter, die auf das Statistikgeheimnis verpflichtet wurden, im Rahmen ihrer Tätigkeiten Zugriff auf die für sie relevanten Daten. Hierzu zählen zum Beispiel die Plausibilitätsprüfungen bei den Fragebogen. Eine Weitergabe der Daten erfolgt während des gesamten Verarbeitungsprozesses nicht und ist im Übrigen gesetzlich verboten. Die Daten werden dann zentral in Bayern zusammengeführt und entsprechend den statistischen Geheimhaltungsvorschriften anonymisiert. Die persönlichen Daten wie Name und Anschrift, die für die Erhebung der Daten notwendig war, werden dabei frühest möglich und laut Gesetz spätestens vier Jahre nach dem Stichtag wieder gelöscht.
    Ende 2012 liegen die ersten Zensusdaten zu den Einwohnerzahlen dann in einer zentralen Auswertungsdatenbank in Bayern vor, die für jedermann online in Form von zusammengefassten Tabellen abrufbar sein werden. So kann sich jeder Bürger selbst ansehen, was beim Zensus herausgekommen ist.

    Was ist das Ziel des Zensus?

    Ziel eines Zensus ist nicht allein die Ermittlung der amtlichen Einwohnerzahl, auch wenn dies ein zentrales Ziel ist. Die Einwohnerzahl ist nun mal eine entscheidende Größe für eine Vielzahl von Rechtsgrundlagen, wie z.B. die aufwandgerechte Verteilung der Steuergelder zwischen Bund und Ländern und zwischen Land und Kommunen. Doch Zensusdaten müssen mehr als Einwohnerzahlen liefern, denn nur anhand eines Zensus erhält man kleinräumige Daten bis zur Gemeindeebene. Und kleinräumige Daten sind für uns alle notwendig, wenn es zum Beispiel um die Planung von teuren Infrastrukturprojekten geht oder im einfachen Fall nur darum, dass um die Ecke vorm Haus vielleicht eine Bushaltestelle notwendig wäre. Es geht auch darum den Wohnungsbedarf vor Ort festzustellen, anhand derer die Gemeinde oder z.B. ein Bauunternehmen wirtschaftliche Planungen für die Zukunft vornehmen kann. Für den ländlichen Raum ist z.B. auch entscheidend wie die Schülertransporte besser organisiert werden können. Außerdem gilt es für die Gemeinden zu entscheiden, ob die Steuergelder besser in den Ausbau eines Kindergartens, einer Schule oder doch eines Seniorenheims zu investieren sind. All diese Entscheidungen können nur dann richtig gefällt werden, wenn aktuelle und kleinräumige Daten über die Zusammensetzung und Alterstruktur der Bevölkerung vorliegen, die nur durch einen Zensus ermittelt werden können.

    Wieso werden die Daten überhaupt erhoben?

    Im Jahr 2001 wurde ein sogenannter Zensustest durchgeführt, der herausfinden sollte, ob es in Deutschland möglich ist einen registerbasierten Zensus durchzuführen. Das Ergebnis des Tests war, dass es durchaus möglich ist, aber das die Registerquellen in Deutschland nicht so genau sind, wie es für die Ziele des Zensus erforderlich wäre. Daher hat der Bundesgesetzgeber mit dem Zensusgesetz 2010 beschlossen, das da wo es möglich ist und Registerdaten in ausreichender Qualität vorliegen, diese auch verwendet werden sollen. Die Melderegisterdaten sind schon sehr gut, aber nicht so genau, wie das für eine Statistik wie den Zensus notwendig ist. Fachleute gehen z.B. davon aus, dass die Einwohnerzahl um rund 1,2 Millionen Menschen zu hoch ausgewiesen wird. Um diese Fehlerquote feststellen und bereinigen zu können hat der Gesetzgeber für den Zensus beschlossen direkte Befragungen bei der Bevölkerung durchzuführen. Auch im Wohngebäudebereich gibt es keine flächendeckenden Register in Deutschland, daher wurde auch hier eine direkte Befragung in Form der Gebäude- und Wohnungszählung (GWZ) angeordnet.

    Die Objektanschrift ist ja bekannt????

    Objektanschriften existieren nicht einfach so. Um die GWZ durchführen zu können, musste im Vorfeld erstmal recherchiert werden, wo in Deutschland überhaupt Wohnanschriften existieren. Für einen Zensus sind schließlich keine Industrieanlagen, Trafohäuschen oder Friedhöfe von Interesse, sondern die Gebäude in denen die Menschen leben. Aus diesem Grund hat man versucht ein Wohnanschriftenregister für den Zensus aufzubauen, z.B. aus den Grundsteuerstellen oder den Daten der Müllentsorgungsbetriebe. Aber diese Quellen sind immer nur so gut, wie sie auch gepflegt werden. Nehmen wir die Grundsteuerstelle, sie ist primär kein Register das für statistische Zwecke eingerichtet wurde. Es hat die Aufgabe die Grundsteuer zu erheben. Wenn nun mal angenommen die junge Frau Ilse Müller (z.B. Wohnungsbesitzerin in der XY-Strasse 12 in München), die vor zwei Jahren geheiratet hat und fortan Frau Schuster heißt und wegen ihres Mannes nach Nürnberg gezogen ist, ihre neue Adresse bei der Grundsteuerstelle angibt, dann würde Sie auch korrekt vom Statistischen Landesamt angeschrieben und um Auskunft gebeten. Wenn sie aber, was durchaus vorkommt, ihre neue Adresse der Grundsteuerstelle nicht mitteilt, dann würde dadurch, dass die Steuer automatisch von Frau Schusters Konto abgebucht wird, niemand die Adressänderung bemerken. Es gestaltet sich für die Statistischen Ämter daher sehr aufwendig einen aktuellen Ansprechpartner für die Gebäude- und Wohnungsdaten zu recherchieren.

    Was spielt es für eine Rolle ob sie ein Klo bzw. Badewanne haben?

    Alle Merkmale, die beim Zensus 2011 erfragt werden, orientieren sich an den Pflichtvorgaben der EU, die für Volks- und Wohnungszählungen im EU-Raum aufgestellt wurden. In Deutschland dürfte der Ausstattungsgrad der Wohnungen mit Toiletten und Duschen bzw. Badewannen relativ hoch ausfallen. In anderen EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien könnte es mit dem Ausstattungsgrad hingegen schon anders aussehen. Da es von der EU gefordert wird, werden hier wohl europaweite Vergleiche zum Versorgungsgrad durchgeführt. Daher ist es erforderlich auch diese auf den ersten Blick zugegebenermaßen etwas sonderlichen Fragen zu beantworten.

    Freundliche Grüße,

    Anke Schwarz

    • RoHa says:

      Liebe Frau Schwarz,

      an dieser Stelle einen recht herzlichen Dank für Ihre sehr ausführliche Antwort. Die Volkszählung ist ja vorallem wegen der digitalen Erhebung, Verarbeitung und Speicherung von personenbezogenen Daten ein kontroverses Thema. Mir ist klar, dass Sie hier nur das ausführende Organ sind.

      Ob die Notwendigkeit für die kommunale Planungen besteht, darüber lässt sich treffich steiten. Unmittelbar nach der Geburt musste ich meine Kinder anmelden. Einige Jahre später ist dan meine Kommune vollkommen überrascht über die Nachfrage nach Plätzen in Kindergarten und Schule. Derartige Probleme sind hausgemacht. Die Meldeämter wissen sehr genau, wieviele Einwohner in welchem Alter in welcher Gemeinde wohnen. Derartige Statistiken bieten die Statistischen Ämter selbst bei Genesis & Co zum Download an. Das Argument der Planung von Wohnungen, Kindergärten und Seniorenheimen empfinde ich in diesem Kontext als vorgeschoben.

      Potentiell besteht die Gefahr, dass die im Zensus tätigen Mitarbeiter die Daten z.B. an Werber verkaufen? Ein organisatorischer Schutz – zum Statistikgeheimnis verpflichtet – schützt natürlich nicht vor vorsätzlichen Handlungen, wie die IT-Mitarbeiter in den schweizer Banken zeigen. Und eine nachrichtendienstliche Nutzung würde sicher auch nicht öffentlich diskutiert.

      Im Hinblick auf die europaweite Erhebung mach die Frage nach WC und Badewanne natürlich Sinn. Da die Volkszählungen im Abstand von 10 Jahren wiederholt werden müssen, kann der normale Bürger ohnehin nichts dagegen machen.

      Viele Grüße
      RoHa

  3. Anke Schwarz says:

    Sehr geehrter Herr „RoHa“,

    sie haben Recht damit, dass ich den Zensus von Amts wegen vertrete, allerdings muss ich gestehen, dass ich auch persönlich davon überzeugt bin, dass der Zensus eine gute Sache für die Allgemeinheit ist. Das können sie sehr naiv von mir finden, aber ich würde ihnen gerne erläutern, warum ich das so sehe. Zunächst möchte ich aber noch ein paar Punkte ansprechen, die sie in ihrem letzten Beitrag erwähnt haben und die so wie sie sie dargestellt haben sehr einseitig rüberkommen.

    Aus ihren bisherigen Beiträgen geht hervor, dass sie beim Zensus insbesondere das Thema Verarbeitung und Speicherung personenbezogener Daten kritisch einstufen. Ich selbst bin gegen Vorratsdatenspeicherung oder ähnliche Geschichten, die derzeit am Köcheln sind, dass können sie mir glauben. Daher möchte ich ihnen gerne erklären warum es für Statistiker einfach keine Alternative gibt personenbezogene Daten zu erheben:

    In Deutschland leben, grob über den Daumen gepeilt, 82 Millionen Menschen, darunter viele, die z.B. mit Nachnamen Müller, Meier oder Schulze heißen. Und dass bezieht sich nicht nur auf die Ebene einer Stadt, sondern schon auf eine Adresse. Nehmen wir als Beispielfall wieder die XY-Straße 12 in München. Dort leben bspw. laut Melderegister vom 9. Mai 2011 sechzig Personen. Allein vier Personen haben dort den Nachnamen „Meier“. Von diesen vier Personen weisen zwei Personen den beliebten bayerischen Vornamen „Maximilian“ auf. Wenn die Statistiker vom Zensus hier das Geburtsdatum nicht als Unterscheidungskriterium hätten, würde man den sechsjährigen Maximilian Meier mit dem 66jährigen Herrn Max Meier als identisch ansehen und anstelle von zwei Personen (wie es richtig wäre) nur eine Person zählen und damit die Einwohnerzahl unterschätzen.
    Dieses kleine Beispiel allein zeigt, dass personenbezogene Informationen entscheidend sind, wenn es darum geht eindeutig festzustellen, ob es sich um eine Person wie Herrn Meier senior oder Herrn Meier junior handelt. Damit ist aber auch klar, dass der Personenbezug für Statistiker nur solange interessant ist, bis festgestellt wurde wie viele Personen, in welcher Gemeinde zu zählen sind. Danach ist der Personenbezug nicht mehr notwendig und wird wie im Gesetz ja auch vorgesehen wieder gelöscht.

    Wie ich ihrem letzten Beitrag entnehme, befürchten sie, dass die Zensusdaten zur „nachrichtendienstlichen Nutzung“ zweckentfremdet werden könnten. Mal abgesehen davon, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben und es sich um einen Verstoß gegen das Grundgesetz handeln würde, wenn so etwas wirklich passieren würde, ist ihre Annahme aus drei Gründen mehr als unwahrscheinlich:

    1.) Wenn eine solche Riesendatenbank existieren würde, meinen sie nicht, dass zumindest einer der Angestellten, die davon Kenntnis hätten dies in irgendeiner Form (Wiki-Leaks lässt grüßen) an die Öffentlichkeit bringen würde?

    2.) Meinen sie wirklich, dass die amtliche Statistik der Bundesrepublik Deutschland (bei der es in seiner gesamten Geschichte noch keinen einzigen Datenskandal gegeben hat) so leichtfertig das Vertrauen der Bürger, auf das sie auch bei zukünftigen Befragungen (z.B. den Zensus 2021) angewiesen ist, aufs Spiel setzen würde? Ich bin davon überzeugt, dass sich die amtliche Statistik das nicht erlauben kann!

    3.) Eine nachrichtendienstliche Nutzung würde voraussetzen, dass die Zensusdaten für den Nachrichtendienst von Interesse wären. Dazu ist anzumerken, dass wenn die ersten Bevölkerungs- und Wohnungsdaten des Zensus mit Stand vom 9.Mai 2011 plausibilisiert vorliegen, bereits 18 Monate ins Land gegangen sind (weitere Auswertungen sind nach 24 Monaten verfügbar). Die für Nachrichtendienste spannenden Informationen über potentielle Terroristen oder was sie sich so vorstellen, dürften sich mit einem ermittlungstechnisch „alten“ Datensatz nicht mehr nachvollziehen lassen. Insofern dürfte sich das Interesse des Nachrichtendienstes an Zensusdaten von ganz allein in Luft auflösen.

    Mal ganz ehrlich, bei drei den oben aufgezählten Punkten kann ich mir eine von ihnen unterstellte Nutzung der Zensusdaten beim besten Willen nicht vorstellen!

    Sie haben in ihrem letzten Beitrag behauptet, dass die Meldeämter „sehr genau wissen wie viele Einwohner in welchem Alter“ in einer Gemeinde wohnen. Wenn sie dass sagen, dann gehen sie sicherlich davon aus, dass sich alle Einwohner immer korrekt bei ihrem Meldeamt in der Gemeinde an-, um- bzw. abmelden. So wünschenswert diese Vorstellung auch ist, die Lebensrealität fällt zum Leidwesen der Statistiker (die es gerne genau nehmen) etwas bunter aus.
    In einer Vielzahl von Fällen, da gebe ich ihnen recht, wird das Melden beim Amt genauso wie von ihnen beschrieben ablaufen. Doch es gibt auch folgende Fälle: junge Leute gehen zum Studieren ins Ausland oder haben einen zweiten Wohnsitz während ihrer Ausbildung in der nächsten größeren Stadt, Gastarbeiter aus der Türkei oder Italien kehren beim Renteneintritt wieder in ihre Heimat zurück, deutsche Rentner ziehen in wärmere und lebenshaltungstechnisch günstigere Länder um. In all solchen Fällen, kann es vorkommen, dass sich die Leute nicht pflichtgemäß beim Amt abmelden und daher weiterhin und dauerhaft im Melderegister als sogenannte „Karteileichen“ existieren.

    Würde man also einfach unkontrolliert die Meldedaten verwenden, würde man die Einwohnerzahlen bei weitem überschätzen und die zu verteilenden Steuergelder würden dann nicht der Gemeinde zugute kommen die die meisten Einwohner und damit den meisten Bedarf hat, sondern die Gemeinde, die die meisten Karteileichen aufweist.

    Die von ihnen genannten GENESIS-Daten enthalten natürlich die Einwohnerzahlen. Allerdings handelt es sich bei diesen Zahlen um Fortschreibungszahlen, die auf den Ergebnissen der letzten Volkszählung von 1987 beruhen. Dazu muss man wissen, dass bei der Fortschreibung immer ein Bevölkerungsbestand als Basis genommen wird, der durch eine Volkszählung ermittelt wurde. Dieser Bevölkerungsstand wird dann um die von den Meldeämtern gemeldeten Todesfälle, Geburten, Zu- und Abwanderungen aktualisiert. Aus den oben bereits genannten Gründen kommt es dazu, dass nicht alle Wanderungsbewegungen gemeldet werden und sich bei der Einwohnerzahl je weiter das letzte Volkszählungsjahr entfernt ist, immer mehr Fehler einschleichen. Da die letzte Volkszählung nun 24 Jahre her ist, und sich zahlreiche historisch Ereignisse wie die Wiedervereinigung oder Bürgerkriege im Ausland ereignet haben, können sie sich vielleicht vorstellen wie hoch der Fortschreibungsfehler bei der amtlichen Einwohnerzahl ausfällt. Fachleute schätzen den Fehler auf 1,2 Millionen zu viel gemeldete Menschen.

    Auch wenn das für sie sicherlich sehr schnulzig klingt, muss ich sagen, dass ich den Zensus durch seinen Bereinigungseffekt für einen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft halte. Außerdem finde ich dadurch, dass jeder Bürger sich die Zensusdaten für seine Gemeinde und seinen Landkreis ansehen kann, endlich mal Transparenz geschaffen wird. Politiker und Wirtschaftsbosse reden doch viel zu häufig nur über Integrationsbemühungen bei Personen mit Migrationshintergrund oder zu fördernder Wohnungsbaupolitik. Mit Hilfe der Zensusdaten kann sich doch endlich mal jeder selbst und unabhängig ansehen wie es um das eigene Land und seine Gemeinde tatsächlich bestellt ist und erkennen wo dringender Handlungsbedarf notwendig ist.

    Ich hoffe ich habe sie jetzt nicht zu sehr zugetextet.

    Freundliche Grüße,

    Anke Schwarz

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